Im hatte im Selbsthilfeforum von Aspies e.V. präzise Nachfragen zu meinem Savant-Syndrom erhalten. Hier ein Auszug aus dem Dialog, welcher zur Diagnose- und Therapiezeit gehört. Ich habe dies zum Anlass genommen und einige Inhalte aus der Nachricht nachstehend veröffentlicht.
Damals (vor dem Jahr 2000) wurde bei mir das Asperger-Syndrom (F84.5 G) und das Savant-Syndrom als sonstige tief greifende Entwicklungsstörung (F84.8 G) diagnostiziert und festgestellt. Außerdem wurden eine geistige Behinderung sowie Lern- und Konzentrationsprobleme, also Störungen und Schwierigkeiten (bspw. affektive Lernstörung) festgestellt.
Atypischer Autismus (F84.1 V) befand sich noch in Diagnose, Feststellung bzw. Therapie.
Denkmuster/Denkschema(ta)/Kommunikationsmodelle: Inseldenken (siehe auch Insel-Modell), Loci- / Routen-Methodik, Gedächtnis- und Gedankenpalast, Mnemotechnik(en) und weitere Denkmodelle und -methoden, autodidaktisch und didaktisch.
„Ich beziehe mich sowohl auf den Zeitraum vor Diagnose/Feststellung, als auch während Diagnose/Feststellung bis einschließlich heute.
Ich habe das kongenitale Savant-Syndrom. Dieses wurde bei mir zunächst in einer Stresssituation augenscheinlich vermutet, u.a. medizinisch/neurologisch nachgewiesen und im Späteren im Zusammenhang mit der Feststellung der Inselbegabung(en) und auch Hochbegabung untermauert (IQ, EQ). Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich in der Kinder- und Jugenpsychiatrie zur Diagnose, Feststellung und Therapie des Asperger-Syndroms. Das Savant-Syndrom wurde in dem Zusammenhang auch mit atypisch funktionalem Autismus gebracht.
Ich bin Gedächtnis-Savant und erreiche mehrere Inseln (damals auch als „weitere Teilbereiche“ beschrieben). Die Bereiche Kommunikation, Kunst, Mathematik, Musik, System/Organisation, Kalenderrechnen etc. gehören dazu.
Grund- und Prinzipienverständnis: Schnelles Verständnis und die Entwicklung von eigenen Methoden und Routen in diesen und weiteren/neuen Bereichen und Themen.
Gehirn- und Gedächtnisleistung sowie Wahrnehmung waren bereits vor Diagnose/Feststellung besonders ausgeprägt. Simultaneous perception und Priming sind gute und passende Begriff.
Ich verfüge über ein absolutes Gehör. Zum Beispiel höre ich bestimmte Töne, Klangfarbe, Laute, Lautstärken der Stimme eines Menschen bzw. mehrerer Menschen intensiver und ggf. genauer, als die meisten Menschen. Insofern höre ich die Stimme eines Menschen anders. Die meisten anderen Menschen hören die Stimme dieser Person anders als ich. Es gibt Unterschiede in der Wahrnehmung.
Ich bin außerdem hochsensibel und hypersensitiv.
Auditive, kognitive, audio-visuelle und visuelle Fähigkeiten sind besonders ausgeprägt. Das empirische Verhalten ist ausgeprägt.
Mir fehlen Filter, welche andere Menschen haben. Das sorgt für u.a. differenzierte und differenzierbare Wahrnehmung. Auf der anderen Seite kann dies auch leicht zu Störungen führen.
Ich denke, arbeite und lerne mit Loci- und Routenmethodik (Gedächtnis- und Gedankenpalast) sowie mit weiteren Lernmethoden, autodidaktisch und didaktisch.
Bei Kartenspielen war es häufig so, dass ich mir gut merken kann, welche Karten im Deck sind bzw. bereits gezogen wurden. Das lässt Rückschlüsse auf Karten im Umlauf zu. Interessant ist: Ich mag Puzzle, Brett- und Kartenspiele waren eher gesellschaftliches beteiligen müssen und wollen. Ich habe weniger gepuzzelt und mehr Brett- und Kartenspiele gespielt. Ich nutzte Mahjong gerne, ob allein oder zu zweit. Der Fokus liegt auf Umgang, Techniken, Bedeutung, das Verstehen und die Zeit.
Zu Musik: Das war während der Feststellung des Savant-Syndroms bzw. der Inselbegabung(en) ein sehr interessanter Bereich. Ich konnte Musik nach einmaligem und mehrmaligem Hören bspw. mit einem Xylophon nachspielen, interpretieren und weiter interpretieren. Weitere Instrumente: Blockflöte, Klavier. Eine Triangel hat mich immer gereizt. Mehrere Instrumente zur selben Zeit waren nicht durchgängig möglich, jedoch phasenweise. Nach Wiedergabe von Musikstücken: Ich habe die Anzahl der „vorkommen“ von Instrumenten aufzählen können. Dazu auch die Anzahl der Wiederholungen. Ich konnte aufzählen, wie oft ein Instrument genutzt wurde. Ich konnte Zeitangaben tätigen. Es ist ebenfalls das Erkennen von Grundtönen festgestellt worden. Bsp: Ein schallisolierter Raum erzeugt Geräusche. Ich bin in der Lage, natürliche und technische Geräusche zu unterscheiden, dazu zählen auch Geräusche, welche nicht durch Bewegung entstanden sind.
Die Interpretationsfähigkeiten sind festgestellt worden. Dazu auch die Reflexion und Schlussfolgerung des eigenen Denkens und Verhaltens.
Ich habe mit beiden Händen und auch mit Füßen arbeiten können. Ich habe mit beiden Händen schreiben können, ohne Veränderung im Schriftbild. Das schlich jedoch aus, heute schreibe ich mit der rechten Hand. Angefangen habe ich mit links und rechts. Ich war auch in der Lage, auf zwei Seiten gleichzeitig zu schreiben; sowohl identische Texte, also auch unterschiedliche Texte. Es fiel zunächst nicht auf (weder mir, noch anderen), dass ich die linke Hand nicht mehr zum Schreiben nutzte. Das kann ich auf die Vergabe/Einnahme von Medikamenten zurückführen, welche ich im Zusammenhang mit dem Savant-Syndrom erhalten hatte. Vielleicht übe ich gelegentlich mal, wieder mit links zu schreiben.
Ich habe fehlerfrei unbekannte Bücher und Texte vorlesen können. In der Schule über eine Unterrichtsstunde hinaus, auch vor mehr als einer Person (Bsp. Schulklasse). Das funktionierte auch mit Fachlektüre. Im Anschluss konnte ich Inhalte und Zusammenfassungen zusammenstellen sowie Angaben zu Text und Seite tätigen, sowie auch Seite und Text (Welcher Text kam auf welcher Seite vor, und auf Seite x kam Text mit Inhalt xyz.). Das lesen, schreiben und rechnen habe ich mir selbst beigebracht, also vor dem Kindergarten/bevor ich eingeschult wurde.
Das Lernen viel grundsätzlich leicht, die Themen waren jedoch schnell „langweilig“. Ich habe mich häufig mit Bestandteilen und Themen befasst, welche quasi „außerhalb“ sind. Die Grundlagen und Prinzipien verstand ich recht schnell. Ich hatte häufig Schwierigkeiten, mich in der für ein Thema vorgesehen Zeit und für die Dauer der Zeit zu konzentrieren bzw. Themen zu fokussieren und die Konzentration auch aufrecht zu erhalten. In für mich interessanten Themen war ich steht’s vertieft, sodass ich mich nicht einmal bzw. nur selten gemeldet habe. Es flossen viele Umstände mit rein. Nicht nur schulische, viel mehr außerschulische Situationen.
Ich finde das Verstehen des Begriffs und der Bedeutung/Definition „biografisches Gedächtnis“ interessant. Bis vor kurzem verwendete ich den Begriff in Eigennutzung nicht, sondern eher Arbeitsgedächtnis, Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis. Das Drei-Speicher-Modell nach Atkinson und Shiffrin ist interessant und mir verständlich. Ich kenne das denken und arbeiten entsprechend prospektives Gedächtnis. Voraussetzung dafür sind z.B. u.a. Routen/Routine, zu erwartende/übliche/denkbare Szenarien, auch logische Schlussfolgerungen (bspw. auch Eingangs- und Ausgangssituation). Loci- und auch Routen-Methodik sind empfindlich.
Für mich grundsätzliches zu Savant-Fähigkeiten/Begabung/Spezialinteressen: Grundsätzlich gehört für mich das Verstehen und Verarbeiten von Grundlagen und Prinzipien sowie die Ausarbeitung, und die Entwicklung und die Integration eigener Systematik und Methoden dazu. Darauf baut das Interesse und auch das Spezialinteresse eines jeden Menschen auf, ob nun Savant-Fähigkeiten oder nicht.
Die Bezeichnung und Verwendung des Begriffs und des Wortes „Begabung“ erfolgt in der Regel durch ein Gegenüber während und nach Feststellung von Fähigkeiten. Identisches auch mit „erstaunlich“. Das Zustandekommen erfolgt also durch Beobachtung. Sowas ist nie eine Ein-Personen-Schiene. Ich selbst scheine unfähig, meine Fähigkeiten als „Begabung“ zu verstehen, vermarkten zu wollen und zu vermarkten. Ich verstehe es, wenn mein Gegenüber Fähigkeiten als „Begabung“ beschreiben würde. Allerdings: Wer verwendet heute noch den Begriff „Begabung“ in einem Gespräch? Ich neige dazu, zu rationalisieren.
Ich nutze das Schreiben auch, um mich zu konzentrieren und zu sortieren.
Ich habe meine „Fähigkeiten“, auch während und nach Feststellung durch die Psychiatrie, eher als normal und gewohnt wahrgenommen, routiniert. Das gilt auch für den Zeitraum vor Diagnose und Feststellung. Vielleicht fehlt mir aus diesem Grund der Fokus bzw. die Gewichtung mit Fokus, insbesondere zu dieser Zeit. Ich bin nie im Zusammenhang mit meinem Asperger-Syndrom, Savant-Syndrom und/oder Fähigkeiten „angeeckt“. Ein Verständnis musste weder die Umgebung außerhalb Familie aufbringen, noch der Großteil meiner Familie – da vollkommen normal. Klar, ich war mal der Streber oder Schleimer etc., damit hatte ich für mich jedoch nie Herausforderungen.
Ein Zitat aus der eingegangenen Nachricht:
„… Vielleicht aufgrund der zusätzlichen Savant-Fähigkeiten, was dich von den meisten Personen abhebt?“ Sehr interessanter Input. Es kam in meiner Schulzeit vor, dass bspw. Menschen mit Hochbegabung belächelt wurden, gemobbt wurden bzw. „angeeckt“ sind.
Das, was als Savant-Fähigkeit beschrieben und verstanden wird, ist für mich jedoch nicht „zusätzlich“. Das waren für mich immer u.a. routinierte Abläufe. Klar, gelegentlich konzentriert man sich auf bestimmte Abläufe/Bereiche aufmerksamer und konzentrierter. Ich persönlich hatte schon immer meine Herausforderungen mit Menschen, welche sich abheben. Außerdem bin ich kein Freund der Stigmatisierung. Das erzeugt außerdem Desinteresse. Logischerweise will man selbst nicht dazugehören, zumal das nicht einmal meinem Charakter entsprach und entspricht. Daher war es nicht mal anstrengend, das zu „beherrschen“; und das mangels Notwendigkeit, Sinn und Zweck. Veranlagung Väterlicherseits scheint eine Grundlage (RW).“
